ED2000 June 2008
Calvin Harris + Motor
Schäferstündchen #2
ED2000 Apr 2008
Tim Thaler
Schäferstündchen #1

platten
Sebastien Tellier | Shonky | I.N.K. | Carl Craig | Eric D. Clark | Matthias Tanzmann | Christian Prommers Drum Lesson | Robert Owens | Miss Kittin | Sascha Funke |
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Sebastien Tellier: Sexuality
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Sebastien Tellier: Sexuality (Record Makers)

Zwei Fixsterne leuchten über dem neuen Werk des Ausnahme-Franzosen Sebastien Tellier. Einmal wäre da der zuckersüße, üppige Synthesizer-Schmalz, der eindeutig in der Tradition von Francis Lai (u.a. Soundtracks für die „Filmklassiker“ Bilitis und Emanuelle) und Jean-Michel Jarre steht. Auf der anderen Seite sind da die Arrangements und Gesangsharmonien, die gewiss dem großen Brian Wilson schmeicheln sollen. Zusammengehalten und ins Hier und Jetzt katapultiert wird das ganze durch eine äußerst kräftige Produktion bei der ein gewisser Guy-Manuel de Homem Christo (50% von Daft Punk) ein paar Knöpfchen mitgedreht hat. Sebastien Tellier schafft auf „Sexuality“ ein glamouröses Synthiepop-Meisterwerk, das im Gegensatz zu den Alben von Air beispielsweise ganz klar auf die exaltierte Persönlichkeit ihres kauzigen Schöpfers fokussiert ist. Mutig und richtig ist es diesen Sebastien Tellier der europäischen Öffentlichkeit beim Eurovision Song Contest zu präsentieren. [hehe]

Shonky: Time Zero
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Shonky: Time Zero (Freak'n'Chic )

"Na, Shonky! - Nie gehört?!" - Macht nichts, ich bislang auch nicht. Dabei hat der inzwischen in Berlin lebende französische DJ und Produzent (unter anderem auch für und mit Jennifer Cardini) schon 'ne ganze Latte an eigenen Produktionen sowie Remixen draußen.
Die Tracks auf seinem Debüt-Album tragen Namen wie "Nebula", "Cosmic Ray", "Galactica" oder "Odyssey". Und wirklich wirken die meisten Stücke sehr hypnotisch und fast schon ein wenig spirituell ambientös. Dafür sorgen nicht nur die immer wiederkehrenden, wuppernden Beats sondern auch die sehr häufig genutzte Stilmittel wie Glocken in allen möglichen Tonhöhen und Hallspektren. Auch die benutzen Vocals verarbeitet Shonky immer mit ordentlich Hall. Und unter allem grummeln tiefste Bassteppiche. Das lässt den Augeninnendruck steigen und man beginnt unscharf zu sehen. Aber sehen muss man bei Shonkys Album ja auch nichts. Es reicht ja zu hören. Am besten legt man sich hin und macht sich bereit, seinen Kopf frei zu bekommen.
Darin liegt der Vor- aber auch der Nachteil von Shonkys Album. "Time Zero" - das trifft die musikalische Aussage dieses Albums perfekt. Dieses Album ist wie geschaffen für die Nullzeit, ein Soundtrack für's Nichts. Es hinterlässt nichts als Leere, da ist kein Musikstück an das man sich speziell erinnern könnte. Es gibt kaum Unterschiede zwischen den einzelnen Tacks. Aber wenn man mal richtig Lust auf eine Tiefenentspannung hat ist "Time Zero" genau passend. [tt]

I.N.K.: Punk Phunk
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I.N.K.: Punk Phunk (Sony BMG Japan)

Takkyu Ishino hat ein Problem. Wenn - und das kommt selten genug vor - der japanische Star-DJ und Produzent (Denki Groove) mal ein neues Produkt raus haut, bekommt das außerhalb Japans eigentlich keine Sau mit. Selbst wenn das gesamte Promo-Packet ein Album, zwei EPs, eine Maxi CD, eine DVD, eine Videoproduktion sowie hochwertige Wackel-Hologramm-Aufkleber und den ganzen anderen Schmu umfasst. Von einem solch fetten Presse-Paket können andere, hoch gehandelte Künstler meist nur träumen.
Ende 2007 passierte nun genau dieses - Fumitoshi Ishino (Takkyu) & Hiroshi Kawanabe (der bis auf eine einzige Ausnahme nur mit Takkyu beim INK Projekt zusammenarbeitet) veröffentlichten Punk Phunk. Und auch bei diesem Album ist es höchst ärgerlich, dass hierzulande kaum jemanden davon erfahren wird.
Denn diese Musik unterscheidet sich deutlich von dem, was uns sonst so aus Ländern wie Frankreich, Finnland, Spanien oder gar den USA – von Deutschland mal ganz zu schweigen – serviert wird.
Es scheint angesichts des Albums, dass sich die elektronische Tanzmusik in Japan über die vergangenen Jahre entwickelt hat wie die Tierwelt auf den Galapagos Inseln. So, als gäbe es den Rest der musikalischen Welt da draußen gar nicht oder nur ganz weit entfernt. Was da ranreifte wurde ein ganz eigener Kosmos. Deshalb findet sich auf diesem Album auch nicht nur ein einziger Stil.
Es ist kein Album irgendeines Technokünstlers oder zweier Minimal-Produzenten oder das einer beliebigen Electro-Jazz-Gruppe. Das hier ist viel mehr als all das zusammengenommen. Eher wie ein hochkomplexes japanisches Essen. Keiner von den Produzenten hierzulande würde sich an so etwas rantrauen!
Melodiebögen, die man so noch nie gehört hat, neue Klänge – ich habe wirklich enorme Schwierigkeiten damit, die Musikvielfalt auf "Punk Phunk" irgendwie einzufassen, denn jegliche Genrefindung würde den Sound nur einengen oder beschneiden. "Krautjack" zum Beispiel. Ein eher minimal beginnendes Stück mit ein paar sehr dezenten Acid- Anleihen verwandelt sich zuerst in einen treibenden Technobeat, dann aber sofort in ein unglaublich stimmiges Jazz-Stück und schraubt sich anschließend in orchestrale Höhen. "Garage Phunk" beginnt wie ein traditionelles, japanisches Trommelstück um dann kurz und schmerzlos in eine Mischung zwischen Happy Hardcore und Speedrock verwandelt zu werden. "I.P.P." nimmt Anleihen vom guten alten Rock der 80er, mischt etwas "From Dusk Till Dawn" sowie "Pulp Fiction" hinzu und krönt diese Mischung mit ein wenig Cowboyrhythmus und Hillbilly-Mentalität.
Aber auch weniger multiinstrumentale Stücke wirken nicht weniger kunstvoll. Sie bedienen sich einer Unzahl kleiner Fragmente zwischen Fahrradklingel und elektronisch erzeugtem Shamisen-Sound (japanisches Saiteninstrument) und dazu noch einer ganzen Armada an Effekten ohne dabei ein einziges mal auch nur in die Nähe von Nervigkeit zu gelangen. Und derer Beispiele finden sich ganze 18(!) auf "Punk Phunk".
Während man hierzulande zuerst den Rave verehrte, ihn dann verteufelte um ihn Jahre später neu erfinden zu müssen, bauen INK ihn einfach verpoppt und wie selbstverständlich in ihre Lieder ein. „Punk Phunk“ ist ein Album, für das mancher hierzulande geohrfeigt oder zumindest spöttisch beäugt werden würde, für das sich kaum ein Label finden würde und wenn doch, dann wären die Verkaufszahlen eher gering. In diesem Falle umgibt die Produktion jedoch der Hauch von Exotik - Japaner eben. Die dürfen so etwas aber nicht nur, sie können es eben auch! Die Lieder auf "Punk Phunk" sind besserer Ambient, besserer Minimal, besserer Pop, besserer Techno, besserer Was-weiß-ich-noch-alles!
Dieses Album ist ein Hörspiel. Dieses Album ist Genuss. Dieses Album ist elektronische Musik auf höchstem Niveau. Dieses Album ist ein Lehrstück. Dieses Album ist kaum zu bekommen. Was für eine Schande! [tt]

Carl Craig: Sessions
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Carl Craig: Sessions (K7!)

Als einer der ersten leistete die Detroiter Techno-Ikone Carl Craig 1996 einen Beitrag zur erfolgreichen Mix-Compilation-Reihe “DJ-Kicks” von !K7. Genau wie seinerzeit Kruder & Dorfmeister mit "The K&D Sessions" legt nun auch Carl Craig (allerdings mit mehr als einer Dekade Abstand) eine Doppel-CD (bzw. 3fach Vinyl) mit dem simplen Titel "Sessions" nach.
Die beiden gemixten CDs featuren unveröffentlichtes, Alternativ-Mixe von eigenen Stücken, eine Auswahl von Tracks, die unter den Pseudonymen Paperclip People und 69 entstanden, und natürlich die Remix-Arbeiten der verangenen Jahre, wobei natürlich der monolithische Remix von "Like A Child" für die Junior Boys nicht fehlen durfte.
Der gestandene Detroit Techno-Fan wird vermutlich einen Großteil der Stücke auf "Sessions" schon auf Vinyl oder anderweitig haben. Dennoch: Techno-Freunde, die eine Art "Abba Gold" von Carl Craig haben möchten, und dies vom Meister noch selbst kompiliert bzw. gemixt, kommen an den "Sessions" kaum vorbei. Für diejenigen, die elektronische, technoide Clubmusik mittlerweile als E-Musik verstehen, werden die CDs sicherlich zu einem musikhistorischen Standardwerk avancieren , dass man so getrost zum nächsten, interplanetarischen Satelliten packen könnte, um Aliens zu erklären, was (guter) Techno ist. [sisi]

Eric D. Clarke: E= dC²
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Eric D. Clarke: E= dC² (Firm / Kompakt)

Augenscheinlich hatten Mariah Carey und Eric D. Clark die gleiche Idee bei der Namensgebung ihrer neuen Alben. Zum Glück ist das aber auch die einzige Parallele bei den beiden.
Eric D. Clark, der lässig croonender Conferencier mit Federboa, nimmt den Hörer einmal mehr mit auf die Reise durch seinen plüschig-bunten Kosmos. In den Songs bzw. Tracks tanzt man mal jackig in Chicago House-Clubs, mal zum Post-Disco-Sound der New Yorker Paradise Garage, suhlt sich in schwitzigem 80er Sex-Funk-Epen à la Prince oder Rick James, genießt Easy-Listening Jazz oder ravet zu Kölsch-Kompakt’scher Coolness. An manchen Stellen wird der Eklektizismus übertrieben, z.B. wenn im Song "Legion" Ed Banger’sche Techno-Rockismen angedeutet werden. Den Gesamteindruck trübt dies jedoch nicht. Ähnlich wie ein André Benjamin sich bei Outkast vom HipHop-Korsett entledigte, sprengt auch Eric D. Clark jenseits von Whirpool Productions alle Rahmen, in die man ihn zu drängen versucht. Ein Gesamtkunstwerk! [sisi]

Matthias Tanzmann: Restless
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Matthias Tanzmann: Restless (Moon Harbour)

Deep und Minimal House aus Sachsen: dafür stehen besonders ein Club, ein Label und ein DJ. Der Club ist die Distillery in Leipzig, das Label heißt Moon Harbour Recordings und der DJ bzw. Produzent und A&R von Moon Harbour ist Matthias Tanzmann.
An der Schnittstelle von Deep und Minimal von House und Techno bastelt Tanzmann nun schon seit mehr als zehn Jahren. Ersten hörbaren Erfolg hatte er schon 1999 mit dem Track Feeling Love, damals noch zusammen mit Daniel Scholz als Gamat 3000. Schon kurze Zeit später wurde Moonharbour Recordings aus der Taufe gehoben. Es folgten Residenzen ausserhalb Leipzigs in so namhaften Clubs wie dem Berliner Sternradio und dem Harry Klein in München.
Im vergangenen Jahr wurde das DJ-Leben des Matthias Tanzmann internationaler denn je. Und so zeugt schon die Benennung der einzelnen Tracks (Hotel Sapporo, Flight Mode) von globaler Aktivität. Restless versammelt in der CD-Version neben acht neuen Tracks auch noch einige Hits, die zuvor nur einzeln erhältlich waren (z.B. Bulldozer). Eine unnachahmliche Balance zwischen technoider Perkussivität und warmem Sound-Design zieht sich durch das ganze Album. In der gemixten CD-Version macht Restless so Lust auf die bald wieder stattfindenden sonntagnachmittäglichen Freiluft-Tanzveranstaltungen! [sisi]

WIN!  Wir verlosen 1x die CD! E-Mail mit dem Betreff "TANZFRAU" bis zum 31.05.2008.

Christian Prommers Drumlesson : Volume 1
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Christian Prommers Drumlesson : Volume 1 (Sonar Kollektiv)

Die Fusion von Jazz und elektronischer Tanzmusik liegt Christian Prommer nicht erst seit gestern am Herzen. Schon bei den Projekten, an denen er seit den 90er Jahren beteiligt war (Trüby Trio, Fauna Flash und Voom:Voom), waren dies die beiden Pole, zwischen denen sich die Musik abspielte. Waren zuvor synthetischen Klangerzeugung, Sampling und Sequenzer-Arrangements am Computer die Weapons Of Choice, um Jazz auf den Dancefloor der Clubs zu bringen, so geht Christian Prommer mit der Drumlesson nun den umgekehrten Weg.
Er holt sich befreundete Jazzmusiker, allen voran den begnadeten Pianisten Roberto Di Gioia, zu einer Jam ins Studio und lässt diese als Stichwortgeber über klassische Themen aus House und Techno improvisieren. Das Album kommt fast komplett ohne Elektronik aus und gibt Klassikern wie "Strings Of Life", Isolée’s "Beaut Mot Plage", "Plastic Dreams" und "Can You Feel It" im Geist von Latin Jazz eine ganz neue Dimension. Im Gegensatz zu Senor Coconut wirkt das ganze dabei nie nur witzig als Novelty Gag.
Das ganze kann sowohl Jazzfan, vom Deep House-Connaisseur als auch von der Latte Macchiato-Fraktion gleichermaßen genossen werden. Ein wahrhaft erwachsenes Album. Der einzige Wermutstropfen ist, dass es die großartige, im Internet zu hörende Version von Daft Punk’s "Around The World" nicht auf den Silberling geschafft hat. [sisi]

Robert Owens: night-time stories
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Robert Owens: night-time stories (Compost)

Robert Owens Stimme hat jeder schon mal gehört! Ende der 1980er formierte der Amerikaner zusammen mit Larry Heard und Ron Wikon Fingers Inc. und veröffentlichte Schallplatten, die damals in ihrem puristischen Einsatz von Drummachine und Sequenzer bahnbrechend waren. Damit packten sie House-Musik auf die musikalische Landkarte! In den Jahren nach dem großen Durchbruch trat Robert Owens immer wieder als Sänger für die Kompositionen anderer Produzenten in Erscheinung: mit seiner Gospel-Geschulten Stimme verwandelte er ordinäre House- und Drum'n'Bass-Tracks in vollendet - pathetische Schmachtfetzen für die Disko.
Mit "Night-Time Stories" veröffentlicht nun der Sänger endlich nach ein paar Jahren wieder ein Album unter eigenem Namen: statt "featuring Robert Owens" steht sein Name nun an erster Stelle, gefolgt von einem Dutzend Produzenten aus dem Deep House und Freestyle-Bereich, welche Songs für ihn komponiert und arrangiert haben. Und so ist das Album doch wieder eine Ansammlung von Tracks geworden, die in der Mehrzahl housig und hallig die Klangtapete für Owens exaltierte Stimmakrobatik bieten. Trotzdem steht da kein Konzept oder gar eine durchgängige Geschichte dahinter. Und ziemlich schnell wird offenbar, warum es so lange kein Solo-Album von Robert Owens gab: mit allem Respekt für Robert Owens geniale Stimme - eine Stunde am Stück pathetisches Phrasieren, gefühliges Gurren und sehnsüchtiges Schluchzen sind dann doch zu viel des Guten. Da gehen dann selbst Tracks, die für sich allein House-Hymnen abgeben würden, im Dauerpathos unter.
Dennoch hat das Album auch enorm starke Momente, die vor allem im langsameren Mittelteil, welcher durch eine etwas überlange, aber hübsch geschwungene Slow Motion-Schlafzimmer-Nummer von Atjazz eröffnet wird, zu finden sind. Kurz danach folgt ein großes Opus - der einzige Song des Albums, den Robert Owens selbst geschrieben und produziert hat. Beinahe 10 Minuten lang bereitet er sich selbst mit Housebeat, Claps, Piano und Streichern (die sich leider etwas zu synthetisch anhören) die Bühne für eine schwelgerische Arie mit großem Gestus. Danach überrascht Mark Romboy, eher bekannt für bratzigen Elektrohouse, mit einer geschmeidig-dezenten Ballade - mit Gesang und mit Predigt-Fetzen, die doch glatt als Verbeugung vor Robert Owens großen Fingers Inc. Hit "Can You Feel It" durchgehen könnten. Ein hübsches Betthupferl. Ansonsten gibt es noch ein paar solide Nummern, welche von Charles Webster, Wahoo, Ian Pooley und Jimpster arrangiert wurden: vieles davon klingt etwas zu sehr nach dem gerade auslaufenden, unterkühlten und melodiösen Techhouse-Sound des Innervision-Labels. Da ist kein Total-Ausfall dabei - aber am besten wirken die Tracks wohl einzeln, außerhalb des Albums. Seltsam aber wahr: hier sind die Teile mehr als deren Summe als Album. Respekt, das passiert auch nicht alle Tage. [alx]

Miss Kittin: Bat Box
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Miss Kittin: Bat Box (Nobody’s Bizzness)

Offiziell habe Miss Kittin aka Caroline Hervé das harte Feierleben satt, heißt es. Doch wollen wir ihr das wirklich glauben? Ist diese Phase nicht nur temporär und endet dann doch in einer exzessiven Nacht in der Panorama Bar, wie bei vielen anderen, die eine Zeit lang keine Lust mehr haben auszugehen? Immerhin hat die französische Sängerin Vorkehrungen getroffen, damit sie nicht in die Verlegenheit gerät in Berlin abzustürzen. Zurück nach Paris zu ziehen war ein erster Schritt. Weniger Auflegen ein weiterer. Das DJ-Dasein will sie am liebsten ganz eintauschen gegen ein bürgerliches Leben auf dem Land, so die kommunizierte Theorie. Aber spiegelt sich diese Stimmung auch auf ihrem neuen Album wieder, an dem sie zu arbeiten begann, als ihre Zeit in Berlin aufhörte? Nicht wirklich. Herausgekommen ist ein solides Partyalbum mit mehr Gesang als auf dem Album „I com“, aber nicht weniger Tauglichkeit für die Tanzfläche. Ruhige Stücke wechseln sich mit schnellen ab. Ihr Produzent Pascal Gabriel schrieb unter anderem auch für Kylie Minogue oder Dido. Vielleicht hat Bat Box deshalb diese schwer einzuordnende Mischung aus weiblichen Sprechgesang und poppigem Techno. Kittin ist keine perfekte Sängerin, aber ihre Stimme ist unverwechselbar. Ihr ironisches Kokettieren mit der Musikbranche macht sie sympathisch, der Entschluss das Album unter eigener Regie zu veröffentlichen ist konsequent und bewundernswert. Doch leider ist es schwer zu sagen, zu welchem Anlass man Bat Box in den CD-Spieler packen soll. Der Spannungsbogen nimmt über Dauer des Albums eher ab, einzelne Tracks sind wichtiger als das Ganze. Bat Box ist handwerklich gut gemacht, ständig hören will man das Album dennoch nicht. [mh]

Sascha Funke: Mango
Listen to Sascha Funke

Sascha Funke: Mango (BPitch Control)

Beim Hören des neuen Albums von Sascha Funke habe ich die ganze Zeit ein einziges Bild im Kopf. Da steht ein Baum an einem weiten, menschenleeren Sandstrand und drunter halten sich zwei Liebende umschlungen. Irgendwo in der Ferne liegt ihr Hotel. Und von der Hotellounge dringt noch ein wenig der Sound herüber, welcher der Hotelmanager für ausreichend "kulturtypisch", aber erträglich genug befand, um damit den Urlaub zu untermalen. Die beiden Liebenden haben es geschafft, sich für eine Stunde von der Reisegruppe abzusetzen. Sie wissen, dass jederzeit irgendjemand von denen besoffen in ihre Richtung stolpern kann oder aber Animateur "Juan" sie finden könnte, und zu einer weiteren Polonäse rund um den Pool verdonnern wird. Mit dieser Sorge genießen die beiden dieses kleine bisschen kostbare Zeit für sich. Etwas nervös, nur mit sich allein, weit weg von allem, unter ihrem Mangobaum.
Ganz behutsam empfängt Sascha Funke die Hörer auf seinem neuen Album – dem zweiten eigenen und damit dem Nachfolger zu "Bravo". Genau so zart wie der das Eröffnungsstück, ist dann auch der Titel (sowohl von diesem Stück als auch vom ganzen Album) "Mango". Und irgendwie lassen sich erstaunlich viele Assoziationen auf diese tropische Fucht im Laufe des Albums anstellen.
Als ob er eine Mango schälen würde, fast zärtlich, geht Sascha mit den Sounds um, die er in seinen insgesamt 9 Stücken nutzt. Nichts wirkt überladen oder gar unüberlegt, nichts unausgereift. Durch saftige Schichten wohlig prickelnden Fruchtmarks schlürft man sich durch bis zum Kern. Auf den stößt man erstmals beim vierten Track: "Take A Chance With Me" - hier wird’s zum ersten Mal etwas tanzbarer. Danach besinnt sich Sascha Funke aber auch sofort wieder der sensible Grundstimmung, mit "Summer Rain" zieht er sich in ambientöse Gefilde zurück. Doch kurz danach - bei "Double Checked" - gibt es für unsere Liebenden dann aber kein Halten mehr. Sie stehen auf und wiegen sich langsam in den Wellen der satten Bässe die wie ein warmer Windhauch bis zu ihrem Mangobaum herüberweht. Ihre Zehen spielen mit dem Sand. Ganz eng wollen sie die Bewegungen des anderen fühlen.
Nein, dieses Album ist nicht für die Disko geeignet. Da ist es so fehl am Platz wie McDonalds-Weideflächen im Regenwald. Die Musik ist zu zart für raue, verrauchte Dancefloors, die von Leuchtkegel und blinkenden Lichtinstallationen erhellt werden. Mit diesem Album lässt sich die hoffnungsvolle Süße des aufkeimenden Frühlings untermalen – ob nun unter einer Eiche im Hinterhof eines Berliner "Underground"-Clubs oder unter einem Mangobaum irgendwo in Thailand.
[Ab Februar 2008 in Deinem Plattenladen]
(tt)

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